Interview mit Kerstin Kögler – Mentalcoach und MTB Fahrtechniktrainerin

Interview mit Kerstin Kögler – Mentalcoach und MTB Fahrtechniktrainerin

Mountainbiken hängt viel mit mentaler Stärke zusammen. Gerade für uns Frauen ist die mentale Stärke immer mal wieder der Flaschenhals im Sport. Abhängig von Hormonschwankungen, Erfahrungen und Erlebnissen sind wir manchmal mutiger und manchmal ein Angsthase.

Über solche Themen haben wir uns mit Mental Coach & Fahrtechniktrainerin Kerstin Kögler unterhalten. Sie ist ehemalige Profi-Mountainbikerin und auch Ausbilderin im Bundeslehrteam Mountainbike der DIMB. Außerdem verrät sie uns, was Mental Coaching überhaupt ist und bei welchen Baustellen es helfen kann.

Mountainbike Fahrtechniktrainerin und Mental Coach Kerstin Kögler im Interview

MountainbikeLiebe: Was genau ist Mental Coaching? Wie läuft es (online) ab und wie viel lässt sich dadurch erreichen?

Kerstin: Diese Frage habe ich mir vor ungefähr 6 Jahren selbst gestellt und dabei dachte ich: Man sitzt gegenüber auf zwei Stühlen, unterhält sich und der Coach gibt mir Tipps und findet für mich eine Lösung. Und noch früher (ich habe 2004 angefangen MTB Marathon & Cross Country Rennen zu fahren & wechselte 2014 in die Disziplin Enduro) suchte ich oft die Ursachen im Training. Erst im Nachhinein konnte ich mit dem Wissen, welches ich nun habe, reflektieren, wo mir mein Kopf im Weg gestanden ist und nicht meine Fitness.

Dabei ist es so – wie ich es nun in meinen Coachings handhabe ganz anders.

Ob online oder offline: zunächst geht es um die Klärung des Themas und deines Ziels. Was genau willst du erreichen, verbessern, was darf durch das Coaching entstehen? Ich stelle viele Fragen und wir beleuchten dein Thema aus verschiedenen Perspektiven. Im Coaching sitzen oder stehen wir, oft bewegen wir uns auch, schreiben, sprechen und lachen natürlich auch mal. Wenn das Coaching nicht Online stattfindet, gehe ich entweder raus in die Natur oder z.B. bei Regen in meinen Coaching-Raum. Nach der Klärung des Themas und deines Ziels begleite ich dich durch einen definierten Ablauf. Wir sammeln, wenn nötig weitere Informationen und decken auf: Was hindert dich? Wo liegen deine Blockaden? Aber auch, was stärkt dich und wie kannst du deine Stärken gezielt einsetzen? Blockaden lösen wir mittels einer geeigneten Technik. Diese wird individuell für dich ausgewählt. Hier durfte ich in meinen Ausbildungen viele verschiedene Lösungsmöglichkeiten kennenlernen. Das Spannende am Coaching ist: Ich kenne die Lösung vorher nicht, sondern begleite dich auf dem Weg zu deiner eigenen Lösung.

Ich habe schon oft erlebt, dass die Lösungen im Coaching völlig anders waren, als ich zunächst gedacht hätte. Eine Pauschallösung habe ich noch nicht gefunden. 😉

Jeder Mountainbiker ist individuell!

Fahrtechnik und Mentalcoach Kerstin Kögler

MountainbikeLiebe: Ich (Lisa) habe zum Beispiel ein Problem mit unbekanntem Gelände. Wenn ich nicht weiß, wie der Trail weiter geht habe ich extrem Angst. Wenn dann ein paar schwierige Stellen kommen, steige ich oft direkt ab, ohne es zu probieren – obwohl es gut machbar wäre. Welchen Tipp kannst du mir geben?

Kerstin: Ich bin immer vorsichtig mit schnellen Tipps, wenn ich kaum Informationen habe.

Ein individuelles und professionelles Coaching ist viel mehr als ein paar schnelle Tipps zu geben.

So in etwa könnte es ablaufen: Ich würde erst mal dein Thema, Problem und dein Ziel zusammen mit dir weiter klären, definieren und dir verschiedene Fragen stellen.

Ich halte Ferndiagnose nicht für professionell. Ich arbeite sehr individuell und dafür brauche ich erst mal Informationen.

Mental

Eine der Möglichkeiten wäre, dass du mentalen Stress hast mit verschiedenen Situationen im Trail. Wenn z.B. im Unbekannten nasse Wurzeln kommen, ausgesetzte Stellen o.ä. Vielleicht gibt es noch andere Stressoren, die es gilt herauszufinden? Den Stress könnten wir dir lösen. Vielleicht hattest du auch einen Sturz in der Vergangenheit? Sturzthemen habe ich häufiger im Coaching. Hier würde ich vertiefende Fragen stellen zur Klärung und wir könnten dir eventuelle Blockaden aus dem Sturz lösen.

Vielleicht fehlt es dir an mentaler Stärke oder an deinem Selbstvertrauen? Wir können herausfinden, was dich am stärksten macht. Eine weitere Möglichkeit wäre auch, dass du allgemein Stress hast mit „Unbekannten“. Vielleicht kennst du das Thema sogar noch aus anderen Bereichen in deinem Leben? Ich betrachte auch Bereiche neben dem Sport und darüber hinaus. Meine Coachings sind neben dem Sport auch für Beruf, Privatleben oder die persönliche Entwicklung anwendbar.

Fahrtechniktrainerin und Mental Coach Kerstin Kögler im Interview
Bild: Rico Haase

Fahrtechnik

Vielleicht hast du Schwierigkeiten mit der Linienwahl? Vielleicht gibt es einen Bewegungsfehler? Dann wäre die Lösung eher in der Fahrtechnik zu finden. Auch hier gibt es die verschiedensten Möglichkeiten, warum es nicht klappt. Um genau das herauszufinden, hilft mir meine langjährige Erfahrung als Trainerin und ein geschultes Auge für Bewegungen. Es kann natürlich auch sein, dass wir sowohl im mentalen als auch im fahrtechnischen Bereich arbeiten. Ich habe zum Beispiel häufig Fahrer*innen, die Probleme mit linken oder rechten Kurven haben, hier komme ich als reine Fahrtechniktrainerin oft nicht weiter und nutze zusätzliche Möglichkeiten aus dem Mental Coaching.


Du siehst also: Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten und deinen lösenden Punkt kennen wir jetzt noch nicht. Ich bin neugierig und hätte Lust mit dir an deinem Thema zu arbeiten. 🙂


MountainbikeLiebe: Was lässt sich durch das Mentale Coaching denn klären?

Kerstin: Mentalcoaching kann für verschiedene Themen genutzt werden, hier einige Beispiele:

Mental Coaching kann unterstützen

  • Deine mentale Stärke weiterzuentwickeln
  • bei negativen Erfahrungen in der Vergangenheit z.B. zurückliegenden Stürze
  • deine optimale Leistung abzurufen z.B. im Rennen, an der Schlüsselstelle, in der nächsten Prüfung oder Vortrag im Beruf
  • beim Lernen z.B. Fahrtechnik, Schule oder im Beruf
  • bei deinen Zielen, deiner Zielerreichung, deiner Motivation und deinem Fokus
  • deine Aufmerksamkeit und Konzentration besser zu steuern
  • in deiner persönlichen Entwicklung (hier begleite ich dich durch ein Programm in 7 aufeinander aufbauenden Schritten)

MountainbikeLiebe: Was ist Kinesiologie? Wie setzt du Kinesiologie in deine Coachings mit ein?

Kerstin: Begleitende Kinesiologie beschreibt verschiedene Methoden, angewendet im Coachingablauf.
Es ist eine sehr sanfte Technik. Ich nutze dabei den Muskeltest und “befrage” deinen Körper, was Ihn belastet/stresst bzw. Blockaden auslöst. Das funktioniert sehr klar und effektiv. Diese Blockade wird mittels einer geeigneten Technik – auch Balance genannt – balanciert bzw. aufgelöst. Ich verfüge da über vielzählige verschiedene Balancen.

Dabei hat die begleitende Kinesiologie noch weitere Vorteile

  • Förderung von koordinativen Fähigkeiten
  • Optimalen Gehirnorganisation und für ein gutes Zusammenspiel von Gehirn, Auge, Hand, Ohr, Fuß
  • Verbesserung der visuellen Fähigkeiten
    • → z.B. Blick-Bewegungs-Koordination beim Kurvenfahren. Probleme in der Links-/Rechtskurve (hier komme ich oft als reine Fahrtechniktrainerin nicht mehr weiter)
  • Auswahl der optimalen Sporternährung
  • …und vielen weiteren Themen

MountaibikeLiebe: Was ist deine Lieblingsübung beim Fahrtechniktraining?

Kerstin: Ich lege sehr viel Wert auf die Basics. Je besser Mann/Frau fahren möchte, desto sauberer sollten diese sein. Egal ob ich mit einem Einsteiger oder Profi arbeite, ich schau mir immer erst die Basics an.

Absolute Lieblingsübung: Ich mag Fahrfluss und Übungen, die zu mehr Fahrfluss, Freude und Leichtigkeit auf dem Mountainbike führen. Wie komme ich flüssiger um die Kurven, wie kann ich geschmeidiger fahren, sodass es einen Fahrfluss ergibt? Daran arbeite ich total gern.

Foto: Kirsten Sörries

MountainbikeLiebe: Gibt es einen Unterschied zwischen Frauen und Männer beim Fahrradfahren mental?


Kerstin: : Bei solchen Aussagen bin ich sehr vorsichtig, Achtung: kein Schubladendenken. Es gibt Tendenzen und auch genügend Gegenbeweise.

In der Tendenz erlebe ich Frauen etwas sicherheitsorientierter.

Manchmal eher auch aus der Situation raus gehend z.B. „lieber das Hindernis umfahren“. Ich erlebe es auch, dass sich Frauen in der Tendenz eher „kleiner“ machen und ihre Fähigkeiten niedriger einschätzen. Sich etwas leichter verunsichern lassen. Dadurch blockieren sie sich auch in der Erfahrung, dass sie die Situation beeinflussen können. Männer gehen hier in der Tendenz aktiver auf schwierige Situationen zu, stellen sich eher der Situation und versuchen diese aktiv zu beeinflussen.


MountainbikeLiebe: Warum sind Männer beim Downhill so viel schneller als Frauen? Ist das ein mentales Thema?


Kerstin: Nach meiner Erfahrung als ehemalige Profi Enduro-Fahrerin, haben Männer mehr Kraft, die beim Downhill fahren wichtig ist. Beim Downhill fahren wirken unglaubliche Kräfte, die man halten können muss. Manche Männer können andere Linien fahren als körperlich schwächere Frauen, und auch bei Sprints ist die Kraftkomponente nicht zu unterschätzen. Es wäre aus meiner Sicht interessant, diese Frage z.B. Nina Hoffmann oder Ines Thoma zu stellen. Und ich würde hier gern auch ihre Meinung hören.

Foto: Reuiller.com

MountainbikeLiebe: Wie kann man sich nach einem Sturz mental wieder aufbauen, wenn man dadurch Angst bzw. eine Blockade hat?


Kerstin: Dieses Thema habe ich häufiger im Mental Coaching. Ganz allgemein – ohne Mental Coaching ist mein Tipp: es wieder langsam angehen lassen, für Erfolgserlebnisse sorgen und sich Zeit geben.

Es kann jedoch auch sein, dass sich Stürze häufen, ähnliche Situationen Blockaden auslösen oder die Unsicherheit nicht verschwindet. Vielleicht kamen Stürze immer wieder vor und häuften sich?
Hier kann es z.B. wichtig sein die Gründe und Ursachen aufzuarbeiten und manchmal sind es nicht die offensichtlichsten Gründe. Im 1:1 Coaching kann ich eventuelle Blockaden aus dem Sturzerlebnis zu lösen.

Wenn dich ein Sturz blockiert, kann ein Mental Coaching helfen!


MountainbikeLiebe: Was hat sich dieses Jahr durch Corona dieses Jahr für dich als Fahrtechniktrainer verändert?

Kerstin: Da ich überwiegend Privatkurse 1:1 oder in Kleingruppen gebe, haben mich die Corona-Regelungen als Fahrtechniktrainerin nicht allzu stark betroffen. Ich hatte zwar ein paar Absagen, aber das waren nicht allzu viele. Insgesamt war ich sehr gut gebucht. Zudem ist das Mental Coaching mittlerweile ein gleichwertiges Standbein. Ich sammelte hier über 100 Aus- und Weiterbildungstage in den letzten Jahren. Denn: Um die Thematik in der Tiefe zu verstehen braucht es Zeit, Ausdauer, Investment und Know-how. Ich gebe meine Mental Coachings auch online. Das ist ideal auch für alle: Die zeitlich flexibel sein wollen oder weit entfernt wohnen. Oder wenn – wie aktuell – im Lockdown ein Präsenz-Coaching nicht möglich ist. Mein 3-teiliges Online-Seminar „Mentale Stärke auf dem MTB“ fand 2020 insgesamt 24 x statt. Geändert hat sich daher 2020: dass ich mehr Zeit als gedacht „online“ verbracht habe.


MountainbikeLiebe: Kommen deine Kunden eher aus dem Bereich des Profisports oder aus dem Breitensport?

Kerstin: Ich betreue ein paar Profis und Leistungssportler, aber am meisten Fahrradfahrer/innen aus dem Breitensport.

Hier geht’s zu Kerstin’s Homepage

Wir bedanken uns sehr bei Kerstin für dieses sehr offene und interessante Interview. Es war uns eine Freude! 🙂

Eure Johanna und Lisa



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